Amok-Experten: »Schusswaffen ­sind ein Risiko«

Auf einer Tagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll wurden Konsequenzen aus dem Amoklauf in Winnenden erörtert

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Bad Boll / Kreis Göppingen - Daran ließ Gisela Mayer vom Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden keinen Zweifel: Entschlossen und konsequent will sie darum kämpfen, dass konkrete Schritte unternommen werden, die das Risiko weiterer Amoktaten verringern. Für die Hinterbliebenen sei dies die einzige Möglichkeit, mit der Sinnlosigkeit des Geschehens umzugehen. Welche Konsequenzen gezogen werden können, diskutierten Polizisten, Seelsorger, Lehrkräfte, Wissenschaftler und Medienleute vom 28. bis 30. Okt. 2009 in der Evangelischen Akademie Bad Boll.
Drei Sofortmaßnahmen möchte das Aktionsbündnis umgesetzt sehen: Der Zugang zu großkalibrigen Waffen soll erschwert, ihre Verwahrung sicherer werden. Gewaltorientierte Computerspiele sollen verboten und die Schulsicherheit verbessert werden. Aber ebenso wichtig ist Gisela Mayer, dass sich in der Gesellschaft und in den Familien etwas ändert. "Wir müssen es wagen, unsere Kinder zu erziehen", sagte sie in Bad Boll. Dazu gehöre Aufmerksamkeit und Zuhören. "Aber", so fügte sie hinzu, "das kann auch heißen, bis nachts um drei dem Sprössling zu erklären, warum sein Computerspiel Mist ist."
Ein grenzenloser Liberalismus, der sich als Tarnkappe der Gleichgültigkeit erweist, ist nach Überzeugung von Gisela Mayer eine wesentliche Voraussetzung, die es jungen Menschen ermöglicht, in eine von Hass und Gewalt geprägte Fantasiewelt abzutauchen. Dass dieser Rückzug tatsächlich bei vielen Amoktätern zu beobachten ist, bestätigte auf der Tagung die Gießener Kriminologin Britta Bannenberg. Sie hat 15 Amokfälle untersucht und dabei festgestellt: Die Täter waren meist selbstunsichere und schüchterne Einzelgänger. Besonders auffällig sei ihre "ganz unangemessene Kränkbarkeit", aus der heraus sie oft über Jahre hinweg Hass- und Rachefantasien entwickelten.
Zu ihrem Persönlichkeitsprofil gehöre aber auch eine besondere Faszination durch Schusswaffen. "Wenn keine Schusswaffe zur Verfügung steht", sagte die Kriminologin, "ist ein wesentlicher Risikofaktor gebannt". Denn ihrer Meinung nach passt es nicht zur Persönlichkeit eines Amoktäters, sich eine Waffe illegal, also etwa im Rotlichtmilieu, zu beschaffen. Gerade deshalb sei eine besondere Wachsamkeit gefragt, wenn es Waffen im Haushalt gibt - und ganz besonders, wenn der Waffenbesitzer minderjährige Söhne hat.
Auf der Tagung in Bad Boll gab es daher nachdrückliche Forderungen, zumindest großkalibrige Waffen zu verbieten. Denn gerade diese Waffen seien geeignet, Machtfantasien zu beflügeln und sie sind besonders gefährlich: Bernd Carstensen vom Bund Deutscher Kriminalbeamter erinnerte daran, dass beim Amoklauf in Erfurt zwei Schüler durch eine geschlossene Tür mit einer 9mm-Waffe getötet wurden. Für ihn wäre es "ein sofortiger Sicherheitsgewinn", wenn der Zugang zu diesen Waffen erschwert würde. Kein Verständnis hat er deshalb auch für die Schützenvereine, die daran festhalten, mit großkalibrigen Waffen zu schießen. Auch der ehemalige Stuttgarter Landespolizeipräsident Erwin Hetger erklärte auf der Tagung eindeutig: "Großkalibrige Waffen gehören nicht in die Hände von Sportschützen!"
Dagegen wehrte sich Hannelore Lange, die als Landesoberschützenmeisterin insgesamt 97000 Sportschützen in Württemberg vertritt. Nach dem Amoklauf in Winnenden sei ein "regelrechtes Kesseltreiben" losgetreten worden, sagte sie in Bad Boll, Schützen stünden unter "Generalverdacht". Aus ihrer Sicht sind Waffen Sportgeräte. Ihr Verband dränge alle Mitglieder zu einem verantwortlichen Umgang, besonders zu einer sicheren Aufbewahrung der Waffen. Aber sie bekräftigte, dass auch das Schießen mit dem Großkaliber "als Teil unserer sportlichen Aufgabenstellung" gesehen werden müsse und die "Verpflichtung" bestehe, in dieser Disziplin national und international Erfolge zu erzielen.  
 
Doch auch Udo Andriof, Vorsitzender des von der Landesregierung beauftragten "Expertenkreises Amok", hält die Verfügbarkeit von Waffen für einen erheblichen Risikofaktor. Auf der Tagung in Bad Boll präsentierte er den zeitgleich veröffentlichten Abschlussbericht des Expertenkreises, in dem u. a. empfohlen wird, "auf die Änderung der Sportordnungen mit dem Ziel hinzuwirken, auf das Schießen mit besonders gefährlichen Waffen zu verzichten." Ebenso solle die Aufbewahrung von Waffen kostenpflichtig kontrolliert werden. Insgesamt schlagen die Experten in dem Papier 83 Maßnahmen vor, wobei sie den Schwerpunkt auf die Themen Prävention, Erziehung und Früherkennung legen.
 
Gerade für die Prävention spielt offenbar eine wichtige Rolle, dass Amoktäter auf ein intensives Medieninteresse spekulieren. Ein Teil der Akademietagung war daher dem Rückblick auf die Berichterstattung aus Winnenden gewidmet. Tatsächlich, bestätigte der Waiblinger Polizeisprecher Klaus Hinderer, habe es bei dem Amoklauf im März ein Medienaufkommen gegeben, das nur noch beim Tod von Lady Di übertroffen wurde. Zugleich seien die Medienvertreter in einer Aggressivität aufgetreten, wie er es bisher noch nie erlebt habe. Internetdienste wie Twitter, die in diesem Umfang erstmals bei einer solchen Tat eine Rolle spielten, haben seiner Ansicht nach den Druck auf die Reporter zusätzlich verstärkt. Und diese Situation hat offenbar auch eine beispiellose Skrupellosigkeit begünstigt. So habe ein ausländisches Fernsehteam einem Passanten 8000 Euro geboten, wenn er ein paar Sätze der Betroffenheit und Trauer vor der Kamera aufsagt.
"Wir haben nichts inszeniert vor Ort und bei uns ist kein Geld geflossen", betonte dagegen Axel Graser vom SWR-Hörfunk und seine Fernsehkollegin Uschi Strautmann auf der Tagung. Trotz der enormen Belastung - als Sender vor Ort musste der SWR die gesamte ARD mit Berichten versorgen - habe man konsequent versucht, den Respekt vor den Opfern zu wahren und eine Heroisierung des Amokschützen zu vermeiden. Obwohl seiner Redaktion die Identität des Täters schon frühzeitig bekannt war, sagte Graser, habe man auf eine volle Namensnennung verzichtet. Und auch im Fernsehen, ergänzte Uschi Strautmann, werde Tim K. bis heute nur mit einem Balken über den Augen gezeigt. Sehr zurückhaltend gehe man auch mit Nachrichten über Trittbrettfahrer um.
Aus den Erfahrungen mit der Berichterstattung über den Amoklauf hat der SWR einen Leitfaden entwickelt, wie sich Mitarbeiter im Umgang mit emotional schwer belasteten Menschen verhalten sollen. Grenzverletzungen seien auch damit nicht vollständig ausgeschlossen, sagte Graser. Aber man wolle signalisieren: "Die Nachricht ist uns wichtiger als Voyeurismus."
Deutlich auf der Tagung wurde auch: Im Mittelpunkt der Präventionsbemühungen steht die Schule. Der für Bildungsfragen zuständige Stuttgarter Oberkirchenrat Werner Baur betonte, dass es mit Verbesserungen der Sicherheitstechnik nicht getan ist: "Die Schule, der institutionelle Lernort fürs Leben, darf nicht zum Hochsicherheitstrakt werden." Vielmehr gelte es Vertrauen und Respekt Geltung zu verschaffen. Nachdrücklich warnte er davor, das gesellschaftliche Leitbild des Wettbewerbs zum heimlichen Lehrplan zu machen. "Wettbewerb gibt es nicht ohne Verlierer", sagte Baur. Deswegen sei es nicht akzeptabel, dass sich Kinder "schon im Grundschulalter als Verlierer des Systems erleben oder Opfer von Beschämung werden."
In der Albertville-Realschule in Winnenden hat man inzwischen einen Neuanfang gemacht. "Auf dem Weg aus dem Schatten", sagte die stellvertretende Schuldirektorin Christine Forster in Bad Boll, wolle die Schule eine Reformschule werden. Eine ganze Reihe von Projekten und Fördergruppen sind mit Beginn des neuen Schuljahrs angelaufen, unter anderem auch erlebnispädagogische Angebote wie Kochen und Tanzen. Das wichtigste aber sei, so Forster: "Wir wollen das Selbstwertgefühl eines jeden Schülers stärken." (-uw)

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