Cybermobbing in Schulen adäquat begegnen

10. Streitschlichter-Kongress in der Evangelischen Akademie Bad Boll – Experten fordern klare Hilfsstrukturen in Schulen

© Daniel Stricker/pixelio.de

Zum zehnten Mal haben sich Schüler und Lehrer zum Streitschlichter-Kongress in der Evangelischen Akademie Bad Boll getroffen. Von Mittwoch bis zum heutigen Freitag bildeten sich dabei rund 130 junge Streitschlichter und 30 Pädagogen weiter. Eines der Themen in den 16 Workshops: Cybermobbing und was man dagegen tun kann.

Im Interview erläutern die Workshop-Leiter Susanne Künschner, Dettingen a.d.E., und Thomas Häußler, Kusterdingen, was Cybermobbing ausmacht und was Eltern und Lehrer dagegen tun können.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff Cybermobbing?

Künschner: Verkürzt gesagt: Cybermobbing bedeutet wiederholtes, systematisches Schikanieren und Rufmord betreiben über Internet und Handy. Dazu nutzen Jugendliche vor allem Web 2.0-Plattformen und soziale Netwerke, zum Beispiel Facebook oder SchülerVZ.

Mobbing unter Kindern und Jugendlichen gab es schon vor dem Web 2.0. Was macht Cybermobbing besonders gefährlich?

Häußler: Im Unterschied zum Mobbing in der realen Welt verbreiten sich Hetzkampagnen im Netz und via Handy rasend schnell. Diffamierungen und Beleidigungen ziehen da innerhalb weniger Stunden weite Kreise. Die Verunglimpfungen bleiben  - wenn man nichts dagegen tut – unwiderruflich im Netz, sind von überall und jederzeit abrufbar. Das Mobbing nimmt also kein Ende. Für Eltern und Lehrer ist es außerdem schwierig, Verursacher und Mittäter ausfindig zu machen. Sie können sich hinter Pseudonymen verstecken, oft kursieren Beleidigungen nicht nur in einer Klasse oder Schule, sondern weit darüber hinaus. Wenn sich Klassenkameraden über mich lustig machen, habe ich oder meine Eltern die Chance, direkt auf sie zuzugehen. Im Internet verlieren Opfer und Angehörige schnell jede Einflussmöglichkeit.

Welche Folgen hat Cybermobbing für die betroffenen Kinder und Jugendlichen?

Häußler: So etwas kann Unheilvolles anrichten, gerade bei jungen Menschen. Die sind in einer besonders sensiblen Lebensphase. Ich kenne zum Beispiel einen Siebtklässler, dessen Foto mit Hitlerbart und -frisur verunstaltet wurde und im Netz kursierte. Der Junge war völlig fertig.

Künschner: In einem Fall haben Jugendliche ein Mädchen gezwungen, sich freizügig anzuziehen und obszöne Bewegungen zu machen. Sie haben sie gefilmt und dieses Video via Handy verbreitet. Das ist natürlich fatal für die Betroffenen.

Was raten Sie Jugendlichen, denen so etwas passiert?

Künschner: Sie sollen sich auf jeden Fall Hilfe bei Vertrauenspersonen, Eltern, Lehrern oder Schul-Sozialarbeitern suchen. Außerdem sollte jeder, der sich im Netz bewegt, gewisse Dinge kontrollieren: Wie sicher sind Passwörter zu meinem Profil in sozialen Netzwerken? Wie viel von mir gebe ich preis? Welche Fotos von mir stelle ich ein?

Wie können Eltern und Lehrer reagieren?

Häußler: Vor allem müssen sie sofort reagieren, also innerhalb von Tagen. Zunächst die Beleidigung dokumentieren, zum Beispiel einen Screenshot von Fotos und Kommentaren im Internet machen. Und dann die Polizei einschalten. Cybermobbing ist sehr oft eine Straftat: Beleidigung, Verleumdung, Nötigung. Die Polizei reagiert da mittlerweile schnell und gut.

Künschner: Wenn die Opfer wissen oder ahnen, wer sie da im Netz oder per Handy mobbt, sollten Eltern und Lehrer die Vorkommnisse in der Klasse oder Gruppe deutlich ansprechen und auch klar sagen: Das ist eine Straftat. Wenn man die Verursacher nicht direkt erkennt, muss man die Ermittlungen der Polizei überlassen. Manchmal kann die die Urheber ausfindig machen, manchmal endet die digitale Spur aber auch im Nichts.

Was muss an Schulen passieren, um dem Problem zu begegnen?

Häußler: Es darf keine Beliebigkeit herrschen, sondern es braucht klare Hilfsstrukturen. Es muss sich ja nicht jeder Lehrer mit Facebook auskennen, aber es müssen im Kollegium Ansprechpartner benannt werden, die am Puls der Entwicklung sind und als Experten die anderen unterstützen. Auch in der Elternschaft muss man solche Vertreter benennen, wenn möglich im Schülerrat ebenfalls Cybermobbing-Beauftragte installieren.
 
Künschner: In den Schulen müssen endlich auch Grundregeln im Umgang mit dem Internet und Sozialen Netzwerken vermittelt werden. Die Jugendlichen leben in dieser Welt, müssen sich im Berufsleben und privat darin bewegen. Die notwenigen Kompetenzen dafür muss Schule vermitteln.

Susanne Künschner ist Diplom-Sozialpädagogin, Mediatorin, Anti-Aggressivitäts-Trainerin und Mitglied im  Netzwerk Konflikthilfe e.V. Sie lebt in Dettingen a.d.E.

Thomas Häußler ist Diplom-Sozialpädagoge und unter anderem Mediator, Anti-Gewalt-Trainer, Fachberater für Gewaltprävention sowie Mitglied im  Netzwerk Konflikthilfe e.V.  Er lebt in Kusterdingen.

Informationen im Netz: www.klicksafe.de

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