Das Verschwindenlassen in Mexiko

Alejandra Nuno, Nadine Jurrat, Vidulfo Rosales, Jorge Verástegui (v. l., © Claudia Mocek)

„In Mexiko ist es leichter, einen Menschen gewaltsam verschwinden zu lassen als ein Auto zu stehlen“, sagt Alejandra Nuno vom Centro de Derechos Humanos de las Mujeres in Chihuahua. Auf der Tagung „Gewaltsames Verschwindenlassen – Verbrechen mit System“, die heute (23.10.2015) in Bad Boll begonnen hat, hat sie über ihre Erfahrungen mit Opfern und Angehörigen berichtet. Um die Verbrechen aufzuklären „brauchen wir zunächst ein Register, in dem alle Menschen aufgeführt sind, die verschwunden sind.“

Schätzungen gehen davon aus, dass mittlerweile über 26.000 Menschen in Mexiko gewaltsam verschwunden sind. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort, wurden verwechselt oder man entführte sie, um ihre beruflichen Fähigkeiten für den Drogenhandel auszunutzen, berichtet Vidulfo Rosales vom Menschenrechtszentrum Tlachinollan in Guerrero. Häufig sind junge Männer die Opfer dieser Taten, die von korrupten Politikern oder von organisierten Verbrecherbanden begangen würden.

Zurückbleiben die Angehörigen, für die „ein Teil des eigenen Lebens verschwindet“, sagt Jorge Verástegui vom Centro Fray Juan de Larios in Coahuila: „Man wird zu einem anderen Menschen. Alles dreht sich nur noch um die Suche.“ Mütter suchten verzweifelt nach ihren Männern, Väter nach ihren Söhnen. Neben der emotionalen und psychischen Belastung stünden oft finanzielle Sorgen und große Angst. Denn von staatlicher Seite sei keine Hilfe zu erwarten – im Gegenteil. Wer eine Anzeige aufgebe, werde bedroht. Verástegui: „Es ist schwierig, einen Verbrecher um Hilfe zu bitten, wenn er am Verbrechen beteiligt war.“

Für die Weltöffentlichkeit ist das gewaltsame Verschwindenlassen erst seit dem 26. September 2014 ein Begriff. Damals verschwanden in Ayotzinapa 43 Studenten der Escuela Normal Rural, einer Hochschule für Grundschullehrer. Ein Aufschrei ging durch das Land, schildert Vidulfo Rosales: „Mit Ayotzinapa sind die korrupten Politiker, die eng mit den Verbrecherkartellen zusammenarbeiten, endlich sichtbar geworden.“ Mexiko, das über eine gut funktionierende Diplomatie verfüge und dadurch viele Missstände verbergen könne, stünde nun international in der Kritik. Denn Berichte belegten, dass alle Sicherheitskräfte wussten, was in Ayotzinapa passiert sei. 

Der Vertreter des UN-Ausschuss des Internationalen Übereinkommens zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen, Rainer Huhle, berichtete auf der Tagung über die Entwicklungen, die 2010 zum Inkrafttreten der „Konvention zum Schutz gegen das Verschwindenlassen“ geführt hat. „Die Konvention ist eine der fortschrittlichsten im Hinblick auf die Rechte der Opfer“, bewertete Huhle. Verfolgt würden nicht nur Staatsvertreter, die Menschen gewaltsam verschwindenlassen würden, sondern auch deren Verbündete, „die im Auftrag, der Bewilligung oder der Duldung des Staates“ handeln würden. Auch die Definition der Opfer, die die Suche nach einem Vermissten rasch in Auftrag geben könnten, sei weit gefasst. Nicht nur Angehörige, auch Freunde oder Geschäftspartner könnten so tätig werden. „Wir haben die Hoffnung, dass die internationalen Organe etwas bewirken“, sagte Vidulfo Rosales.

 Welche Impulse von außen können dabei helfen, die Verbrechen aufzuklären? Welche Impulse gibt es bereits in der mexikanischen Zivilgesellschaft? Wie lässt sich die Vertrauenskrise überwinden? Bis zum Sonntag werden sich die rund 100 Teilnehmenden aus Deutschland und Mexiko mit diesen Fragen beschäftigen. 

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