Demografischer Wandel und die ­einschneidenden Folgen

(Bad Boll) Im Jahr 2003 hatten 52 Prozent der Deutschen noch nie den Begriff "demographischer Wandel" gehört. Jetzt besteht dringender Handlungsbedarf. Der erste Fachtag in der Evangelischen Akademie Bad Boll ist ein erster Schritt.

Dr. Bernhard Kopf, Marketingleiter und Pressesprecher der Kreissparkasse Göppingen lieferte eine düstere Prognose. Von links: Friederike Winsauer, Beauftragte für Chancengleichheit und Familie, LRA Göppingen und Dr. Irmgard Ehlers, Studienleiterin der Evangelischen Akademie Bad Boll

Es war die zweite Premiere innerhalb von drei Tagen - und einmal mehr eine erfolgreiche Uraufführung: Wie das erste Investorenforum des Landkreises am Montag im Uditorium lockte auch der erste Fachtag zum Thema demographischer Wandel gestern in Bad Boll rund 50 Teilnehmer mehr als erwartet. 125 kommunale Führungskräfte aus dem Stauferkreis, Stadt- und Kreisräte sowie Vertreter von Ämtern, Verbänden, Kammern und Organisationen waren in den Festsaal der Evangelischen Akademie gekommen, um spannenden Vorträgen zur Überalterung der Gesellschaft und dem Rückgang der Bevölkerung zu lauschen, aber auch, um in sechs verschiedenen Foren tiefer in die Materie einzusteigen.

Die Tagung war eine Gemeinschaftsproduktion von Landratsamt und Akademie. "Im Zusammenwirken entstehen gute Lösungen, nicht durch singuläres Denken", meinte Akademie-Direktor Joachim L. Beck mit Blick auf das "bunte" Publikum und kündigte an, den jetzt angestoßenen "zukunftsträchtigen Prozess" zu unterstützen. Der demographische Wandel zeichne sich bereits seit Mitte der 70er Jahre ab, erklärte Landrat Edgar Wolff, sei aber lange Zeit nicht zur Kenntnis genommen worden. Ein "Handlungsdefizit" sei die Folge, dennoch fange der Stauferkreis nicht bei Null an, betonte Wolff. Dr. Bernhard Kopf, Marketingleiter und Pressesprecher der Kreissparkasse Göppingen, lieferte den Zuhörern eine düstere Prognose in Zahlen - unter anderem, dass im Jahr 2025 jeder vierte Kreisbewohner älter als 65 Jahre sein wird. Dies sei eine Zahl, die massive Auswirkungen auf die Arbeitswelt, den Wohnungsbau, die Kinderbetreuung oder die Schullandschaft habe, so Kopf.

Einer, dessen täglich Brot der Demographiefaktor ist, kam anschließend zu Wort. Dr. Dirk Heuwinkel vom Referat für Strategische Steuerung und Kreisentwicklung im Landkreis Osnabrück, zeigte am Beispiel seines Kreises auf, wie man sich fit für die Zukunft machen kann. Der Landkreis Osnabrück erhielt im Jahr 2007 für seine Initiativen im Umgang mit der älter werdenden Gesellschaft den "European Public Sector Award". Heuwinkel machte zunächst einmal deutlich: Die Privatmenschen gestalteten den Wandel in großem Maße mit, weil die Paare es seien, die sich für oder gegen Kinder entscheiden, oder Hauseigentümer und Unternehmer schauen, wie sie ihre Wohnungen bzw. ihre Firmen seniorentauglich oder familienfreundlich machen.

"Man sollte vielmehr auf das Feedback der Leute als auf die Zahlen schauen", ist Heuwinkel überzeugt - auch wenn die Kommunen und Landkreise an einer umfassenden Analyse nicht vorbeikämen. Der Experte aus Osnabrück geht davon aus, dass Städte und Gemeinden zu einem Drittel die demographische Entwicklung beeinflussen könnten. Neben der Aufbereitung der Fakten - zum Beispiel Zu- und Wegzüge - gehe es darum, als Arbeitgeber Vorbild zu sein, Ziele zu setzen und Orientierung zu geben, regionale und lokale Akteure zu vernetzen und sie zu motivieren sowie letztlich Projekte anzustoßen. "Das alles kostet nicht viel Geld", betonte Heuwinkel, der mit seinem Vortrag offenbar die Phantasie der Tagungsteilnehmer anregte: Schon bevor die Workshops begannen, tauschten die Zuhörer - meist zwischen 40 und 60 Jahre alt - Ideen aus.

In sechs Workshops befassten sich die Teilnehmer mit den Themen Jugend und Bildung, Wirtschaft, Gesundheitswirtschaft und Tourismus, Wohnen und Mobilität, Prävention - Gesundheit - Pflege sowie Bürgerschaftliches Engagement. Sie erarbeiteten Strategien, wie dem demographischen Wandel im Kreis in Zukunft begegnet werden soll.

Der Demographie-Fachtag in Bad Boll soll nicht ohne konkrete Handlungsschritte und -ziele verpuffen - darin waren sich Veranstalter und Teilnehmer einig. Deshalb haben die sechs Gruppen, die sich mit verschiedenen Themen auseinander gesetzt haben, jeweils drei konkrete Projekte vorgestellt, die zeitnah oder mittelfristig angepackt werden sollen. Damit das auch wirklich passiert und sich die Verantwortlichen bald wieder an einen Tisch setzen, hat jeder Workshop einen "Kümmerer" benannt, so Friederike Winsauer, Beauftragte für Chancengleichheit und Familie im Göppinger Landratsamt.

Diese "Kümmerer" präsentierten denn auch die Ergebnisse ihrer dreistündigen Arbeit. Das Forum Jugend und Bildung beispielsweise sieht in der Stärkung der Grundschulen und der Kindergärten eine Möglichkeit, die Auswirkungen des demographischen Wandels abzufedern. Konkreter wurde das Forum Wirtschaft: Die Teilnehmer dieses Workshops wollen in einer Auftaktveranstaltung einzelne Betriebe für die Entwicklung sensibilisieren. Zudem halten sie einen zentralen Demographie-Lotsen für mehrere Unternehmen für sinnvoll. Daten einzelner Firmen wiederum sollen den Kommunen zur Verfügung gestellt werden, damit sie die Analyse für die politische Entscheidungen nutzen könnten. Die Gruppe "Gesundheit" hält ebenfalls einen "Treiber" für gesundheitswirtschaftliche Themen für sinnvoll. Wichtig sei zudem, so das Fazit dieses Workshops, dass Kommunen und Landkreis als Arbeitgeber in Sachen Gesundheitsmanagement mit gutem Beispiel vorangingen. Um die Versorgung älterer Menschen zu gewährleisten, soll im Stauferkreis ein Netzwerk Demenz eingerichtet werden, so die Vorstellung einer Gruppe, die auf dem Weg zu einem seniorenfreundlichen Landkreis auch eine engere Zusammenarbeit der niedergelassenen Hausärzte befürwortet.

Wohnen und Mobilität war ein weiterer Schwerpunkt der Diskussionsrunden. Eine zentrale Rolle komme dabei neuen Wohnformen wie Mehrgenerationenhäusern zu. Damit ältere Semester mobil bleiben, müsse der öffentliche Nahverkehr überdacht werden. Ohne bürgerschaftliches Engagement geht nichts, das wurde auch gestern beim Demographie-Fachtag in der Evangelischen Akademie deutlich. Um weitere, auch fitte ältere Menschen zu rekrutieren, soll Ehrenamt noch stärker gewürdigt werde

NWZ Göppingen, 22.7.2010

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