„Deutschland nicht attraktiv für ausländische Fachkräfte“

Vorstand der Arbeitsagentur fordert eine Willkommenskultur in Deutschland

Raimund Becker, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit

Bad Boll – Deutschland ist für ausländische Arbeitnehmer nicht attraktiv genug. „Wir haben es in der Vergangenheit versäumt, Menschen aus dem Ausland das Gefühl zu vermitteln, willkommen zu sein“, sagte Raimund Becker, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, am heutigen Dienstag bei einer Fachtagung vor rund 40 Teilnehmenden in der Evangelischen Akademie Bad Boll.

„Es gibt auch in Deutschland viel Potential, um Fachkräfte zu gewinnen, etwa bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, bei Migranten oder Erwerbslosen. Die Bundesagentur plädiert dennoch für eine gesteuerte Zuwanderung“, so Becker. Ohne diese werde Deutschland in den kommenden Jahrzehnten einen gravierenden Mangel an Fachkräften haben.

Bürokratische Hürden abbauen

Becker kritisierte, Deutschland habe sich lange der vollständigen Freizügigkeit für Arbeitnehmer in der Europäischen Union verweigert. So hätten Fachkräfte etwa aus Polen Jobs in anderen EU-Staaten angenommen. Mittlerweile gebe es erste positive Signale aus der Politik, bürokratische Hürden für qualifizierte Arbeitnehmer bei der Einwanderung würden abgebaut. „Aber das sind erste Schritte, je länger das alles dauert, desto schwieriger wird es“, so Becker. Trotz der aktuell hohen Arbeitslosigkeit etwa in Spanien verzeichne die Zentrale Aus-lands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit keinen Ansturm spanischer Ingenieure und anderer Fachkräfte. Das werde angesichts des demographischen Wandels für Probleme sorgen.

In Baden-Württemberg fehlen 20.000 Ingenieure

Schon jetzt stehe Baden-Württemberg vor diesen Schwierigkeiten, konstatierte Peter Hofelich, Mittelstandsbeauftragter Landesregierung: „Uns fehlen 20.000 Ingenieure.“ Er wies darauf hin, dass vor allem kleine und mittelständische Betriebe Probleme hätten, qualifizierten Nachwuchs zu finden. Sie verfügten im Gegensatz zu großen Unternehmen nicht über die Mittel, um junge Menschen in Eigenregie nachzuqualifizieren. Zu viele Jugendliche verließen die Schule ohne die Anforderungen für eine Ausbildung oder einen festen Job zu erfüllen. „Deshalb führt die Landesregierung die Gemeinschaftsschule ein, die möglichst viele Jugendliche zum Realschul-Abschluss und in die duale Ausbildung führen soll“, sagte Hofelich. Die Landesregierung bringe in der Allianz für Fachkräfte Unter-nehmen, Arbeitsagenturen und Kammern zusammen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Die Initiative soll im Dezember starten.

Minijobs führen selten in reguläre Arbeit

Eva Welskop-Deffaa, Abteilungsleiterin im Bundesfamilienministerium kritisierte die geltende Regelung zu den so genannten Minijobs. Ihr Ministerium wünsche sich, dass die geltenden Gesetze dazu überprüft würden. Die Minijobs ermöglichten nicht wie erhofft den Übergang in Vollzeitstellen. „Zwei Drittel der Minijobs werden von Frauen gemacht. Aus Sicht der Gleichstellungspolitik macht uns das Sorgen, denn Langzeitstudien zeigen, dass Minijobs keine Brücke in ordentliche Arbeitsverhältnisse schlagen, eher im Gegenteil“, berichtete Welskop-Deffaa. Wer sein Leben lang nur als Minijobberin arbeite, habe gravierende Nachteile, etwa bei der Alterssicherung.

Die Tagung „Fachkräfte gesucht: Ansatzpunkte, Akteure, Potenziale“ hat die Evangelische Akademie Bad Boll gemeinsam mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) organisiert.

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