Herta Leistner erhält AMOS-Preis

Die ehemalige Studienleiterin der Evangelischen Akademie Bad Boll wird für ihr Engagement für lesbische Frauen in der Kirche ausgezeichnet.

Im Akademie-Archiv gibt es ein merkwürdiges Foto: Eine Gruppe von Frauen ist darauf zu sehen – mit dem Rücken zur Kamera. Es sind Teilnehmerinnen einer der ersten Lesbentagungen in der Akademie. Dass sie ihre Identität nicht preisgeben wollten, spiegelt das Klima dieser Jahre: Undenkbar, sich als Lesbe zu outen, schon gar nicht in der Kirche. »Es wurde geschwiegen und ein Doppelleben geführt«, erinnert sich die ehemalige Akademie-Studienleiterin Dr. Herta Leistner.

Diese Isolation wollte sie nicht länger hinnehmen. Im April 1985 lud sie zu einem Treffen ein nach Bad Boll und brachte damit einen Stein ins Rollen. Seitdem sind weit über 3000 Frauen zu Lesbentagungen in die Akademie gekommen. Darunter waren Frauen aus dem Umfeld der autonomen Berliner Lesbenszene, aber ebenso Dörflerinnen von der Schwäbischen Alb. Herta Leistner: »Es krachten Welten und Einstellungen aufeinander, aber wir hielten einander aus und lernten von- und miteinander."

Jetzt wird Herta Leistner (66) mit dem AMOS-Preis für Zivilcourage in Religion, Kirche und Gesellschaft 2009 geehrt. Die angesehene Auszeichnung wird ihr verliehen für ihre »Verdienste um die Wahrnehmung und Interessenvertretung homosexueller Menschen in den Kirchen«.

Herta Leistner war von 1974 bis 1993 Studienleiterin an der Evangelischen Akademie Bad Boll, danach am Frauen-Studien- und Bildungszentrum der Evangelischen Kirche in Deutschland in Gelnhausen. 1996 wurde ihr für ihre «Verdienste um die Wahrnehmung und Emanzipation lesbischer Frauen in Kirche und Gesellschaft« das Bundesverdienstkreuz verliehen. Seit ihrem Ruhestand lebt sie im thüringischen Ütteroda.

Als eine der ersten kirchlichen Mitarbeiterinnen, so die Begründung AMOS-Preis-Jury, habe Leistner das Schweigen um die Realität homosexueller Existenz auch in der Kirche gebrochen. Mit ihrem Buch »Hättest Du gedacht, dass wir so viele sind?« habe sie Tausenden von anderen Menschen geholfen, ihr Doppelleben in der Kirche zu überdenken und zu verändern. Trotz anderer Gesetzeslage für homosexuelle Paare, so die Jury weiter, sei das Thema Homosexualität gerade in den Kirchen »im Untergrund« aktuell. Es scheine eine Art »Burgfrieden« zu herrschen, ohne die erfolgten theologischen Klärungen in den Kirchen und in der Gesellschaft bekannt zu machen.

Der AMOS-Preis, den die kirchenpolitische Vereinigung »Offene Kirche« alle zwei Jahre verleiht, ist mit 5000 EURO dotiert. Die Preisverteilung findet am 08. März 2009 in Stuttgart (12.00 Uhr Erlöserkirche) statt. Die Laudatio wird von Prof. Dr. Dietmar Mieth, Inhaber des Lehrstuhls »Theologische Ethik unter besonderer Berücksichtigung der Gesellschaftswissenschaften«, Katholisch-Theologische Fakultät Tübingen, halten. Schirmherr ist Dr. Erhard Eppler, Bundesminister a.D. 2007 wurde der AMOS-Preis Major Florian Pfaff verliehen, um seinen Entschluss und Mut zu würdigen, den Gehorsam zur Mitwirkung am Irak-Krieg aus Gewissensgründen zu verweigern.

In der Akademie-Veröffentlichung »geträumt – gewagt – gelebt« (edition akademie 15) berichtet Herta Leistner über die Anfänge der kirchlichen Lesbenbewegung und die kirchenpolitischen Wirkungen ihrer Tagungsarbeit in Bad Boll. Auch über ihre Erfahrungen zum Thema »Lesben und die Zusammenarbeit mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen« ist ein Beitrag in dem Band zu finden, der im Onlineshop der Akademie bestellt werden kann.

Als Gratis-Download steht auf der Akademie-Website der Text »20 Jahre Lesbentagungen in Bad Boll« zur Verfügung, in dem Herta Leistner über den nationalen und internationalen Kontext ihrer Arbeit reflektiert.

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