Immer mehr Druck statt Hilfe

Sozialwissenschaflter von Wolffersdorf warnt in der Evangelischen Akademie Bad Boll: Unterfinanzierung macht Jugendhilfe zur Notfallambulanz

<p><em>Die Diskussion um Strafverschärfung und Freiheitsentzug ist für den Soziologen Christian von Wolffersdorff ein Spiel mit dem Feuer.</em><br \><br \><h1>Zusatzinfos</h1>Abdruck honorarfrei. Bei Veröffentlichung Belegexemplar, bzw. Hinweis auf den Sendetermin erbeten!<br /><br />Dieser Text hat 2864 Anschläge (ohne Überschriften und Absätze); das entspricht etwa 71 Zeilen zu je 40 Anschlägen.</p>

Vor einem Absinken der Qualitätsstandards in der Jugend- und Straffälligenhilfe warnte der an der Soziologe Christian von Wolffersdorff. Auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll sagte er am Wochenende (17.01.09): »Schwierige Problemfälle, die niemand haben will, werden an die Überlaufbecken des Hilfesystems weitergeleitet, wo es aufgrund struktureller Überlastung nur noch wenig Hilfe gibt, dafür aber immer mehr Druck.«
Christian von Wolffersdorff hat er an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig den Lehrstuhl für Sozialpädagogik inne. Zuvor war er am deutschen Jugendinstitut tätig und untersuchte im Auftrag des Bundesjugendkuratoriums und des Bundesfamilienministeriums Fragen zur geschlossenen Heimerziehung.
In Bad Boll wies von Wolffersdorff darauf hin. dass durch die Armutsentwicklung und Polarisierung in der Gesellschaft die Hilfesysteme im Überschneidungsbereich zwischen Jugendhilfe, Justiz, Psychiatrie und Schule einem massiven Problemdruck ausgesetzt seien. Angesichts einer »gravierenden Unterfinanzierung« droht nach Ansicht des Soziologen eine Spaltung der Hilfeangebote. Qualitativ hochwertige, kostspielige Hilfe gäbe es nur noch in begründeten Ausnahmefällen. »Die Jugendhilfe«, sagte von Wolffersdorf, »wird zu einer Art Notfallamubulanz, die nur noch in besonders riskanten Fällen ausrückt und sich ihre nostalgischen Vorstellungen von Lebensweltorientierung endlich abzuschminken hat.«
Nach Ansicht von Wolffersdorffs fördert die mediale Aufbereitung extremer Einzelfälle die Tendenz, die Jugendhilfe wieder stärker in eine ordnungspolitische Rolle zu drängen. Zugleich warnte er vor der Attraktivität einfacher Lösungen: Freiheitsentzug als Erziehungsmittel ist seiner Meinung nach eine in die Vergangenheit weisende, problematische Alternative, die angesichts eines jederzeit aktivierbaren Bedürfnisses nach Strafverschärfung einem Spiel mit dem Feuer gleichkomme.
Die im letztem Jahr aufgeflammte Debatte um Erziehungscamps und Strafverschärfung führt nach Ansicht von Wolffersdorff zu »einer Bodenerosion in der kriminalpolitischen Debatte«. Lösungen, in denen pädagogische Qualitätsstandards zweitrangig werden, stünden im Vordergrund. Was nicht billig und schnell realisierbar sei, werde »als Kuschelpädagogik diskreditiert«. In diesem Klima wandele sich auch das Verständnis von Prävention. Nicht mehr die soziale Integration stehe dabei im Vordergrund, sondern ein technologisches Verständnis von Sicherheit.
Zu der Tagung, die sich mit der Problematik freiheitsentziehender Maßnahmen befasste, waren über 80 Fachleute aus den Bereichen Sozialwissenschaft, Justiz und Strafvollzug in die Evangelische Akademie Bad Boll gekommen. Mitveranstalter waren die Deutsche Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen sowie das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen.

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