„Integration gelingt trotz 40-jähriger Widerspenstigkeit der Politik“

Tagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll zur Willkommenskultur für Migranten

Prof. Thomas Eppenstein in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Foto: Ev. Akademie/Korf

Bad Boll – „Wir müssen feststellen, dass eine beachtliche Zahl von Migranten in Bildungseinrichtungen und bei der politischen Partizipation nicht ausreichend integriert ist. Dafür sind meiner Einschätzung nach nicht allein sprachliche oder soziale Probleme verantwortlich“, sagte Prof. Thomas Eppenstein, Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum bei einer Tagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Zu der Veranstaltung „Wie Integration gelingt“ kamen am 27. und 28. Oktober rund 50 Fachleute aus Kommunalverwaltungen, Beratungsstellen und Verbänden zusammen.
Jeder 3. Baden-Württmberger unter 18 hat Migrationshintergrund
Manfred Stehle, Ministerialdirektor und Vertreter von Integrationsministern Bilkay Öney, erklärte in der Evangelischen Akademie, die Landesregierung sei fest entschlossen, die Rahmenbedingungen für Integration zu verbessern. Mit 1,28 Millionen Ausländern und 2,7 Millionen Einwohnern mit Migrationshintergrund sei Baden-Württemberg das Flächenland in Deutschland mit dem höchsten Anteil an Migranten. Jeder dritte Baden-Württemberger unter 18 Jahren habe einen Migrationshintergrund. Man setze vor allem auf Chancengerechtigkeit bei Bildung und Zugang zum Arbeitsmarkt. „Integration erfordert Anstrengungen von der Aufnahmegesellschaft und von den Migranten“, so Stehle.

Verzerrtes Bild des integrationsunwilligen Migranten
An der Aufnahmebereitschaft mangle es an vielen Stellen, mahnte Prof. Thomas Eppenstein. Er forderte, Maßnahmen und Strukturen zur Integration von Migranten müssten schon bei der Ankunft der Menschen in Deutschland beginnen. „Migranten sind keine Zootiere, die in Quarantäne gehören und Deutschland ist kein Zoo, der andere Tiere vor Infektion schützen muss.“ Dieser Eindruck entstehe aber, wenn wie bisher Unterstützungsangebote erst dann griffen, wenn Menschen bereits lange im Land lebten. In der Öffentlichkeit werde oft ein verzerrtes Bild von Einwanderern als arbeits-, bildungs- und integrationsunwillig gezeichnet.

Studien zeichnen differenzierteres Bild
In einer Studie der Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe hätte die Mehrheit der Befragten als Ziele der Integration unter anderem Erwerbstätigkeit, Bildung und Interaktion mit anderen Bürgern genannt. Auch Studien der Bertelsmann-Stiftung zeigten, dass die Werteeinstellungen von Menschen mit Migrationshintergrund in vielen Punkten nicht von denen der Deutschen ohne ausländische Wurzeln abwichen. „Im Rückblick erscheint es tatsächlich wie ein Wunder, dass trotz einer über 40-jährigen Widerspenstigkeit der Politik, faktische Einwanderungs- und Migrationsprozesse anzuerkennen, Integrationsprozesse weitgehend gelingen konn-ten“, bilanzierte Eppenstein mit Blick auf die ersten Jahrzehnte nach Beginn der Einwanderung in den 50er Jahren.

„Integration definiert sich vor allem über Sprache und Bildung"
Als konkrete Ansatzpunkte zur Verbesserung der Situation in Baden-Württemberg nannte Ministerialdirektor Manfred Stehle vor allem Chancengerechtigkeit bei Bildung und Zugang zum Arbeitsmarkt. „Integration definiert sich vor allem über Sprache und Bildung. Deshalb dürfen wir nicht länger akzeptieren, dass die Zugangsmöglichkeiten zur Bildung ungleich verteilt sind, dass die schulische Entwicklung eines Kindes viel zu häufig von der Herkunft und vom Geldbeutel der Eltern bestimmt wird. Diese Ungleichbe-handlung, von der vor allem junge Migranten betroffen sind, stört den Integrationsprozess, gefährdet den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft und ist auch ökonomisch unsinnig“, sagte Stehle. Er verwies auf geplante Maßnahmen, etwa eine erleichterte Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse oder eine Werbekampagne, um mehr Migranten für den öffentlichen Dienst zu gewinnen.

Dank an Dr. Manfred Budzinski
Er dankte Studienleiter Dr. Manfred Budzinski, der seit 1988 an der Evangelischen Akademie Bad Boll Tagungen zum Thema Integration organisiert und im November in den Ruhestand geht. „Mit Ihrem langjährigen Engagement haben Sie Zeichen gesetzt: Für ein tolerantes und weltoffenes Baden-Württemberg, für den Dialog zwischen Kulturen und Religionen, für eine gelingende Integration“, so Stehle. Inge Mugler vom Diakonischen Werk Württemberg hob in ihren Dankesworten an Budzinski dessen kritische Sicht und seine fundierten Kenntnisse der vielfältigen Themen hervor, die er in seinen zahlreichen Tagungen bearbeitet habe.

Veranstalter
Die Tagung veranstaltet die Evangelische Akademie Bad Boll mit dem Diakonischen Werk Württemberg und dem baden-württembergischen Ministerium für Integration.
 
Programm der Tagung

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