Interview: "Mehr laute Stimmen für nachhaltiges Wirtschaften"

Vor der Tagung "Solidarisch wirtschaften" erklärt Walter Strasheim-Weitz, Betriebsratsvorsitzender des Biomode-Herstellers Hessnatur, wie solidarische Unternehmensführung aussehen sollte und fordert mehr Unterstützung durch die Politik.

Walter Strasheim-Weitz © hnGeno

Kann ein Unternehmen Erfolg haben, das sich nicht am maximalen Gewinn, sondern am Wohl von Mensch und Umwelt orientiert? Ja, das zeigen zahlreiche Betriebe und Projekte in ganz Deutschland. Bei der Tagung „Solidarisch wirtschaften – eine andere Ökonomie ist möglich“ stellen am 16. und 17. September Praktiker und Wissenschaftler solche Erfolgsmodelle vor. Unter ihnen ist auch Walter Strasheim-Weitz, Betriebsratsvorsitzender des Biomode-Herstellers Hessnatur. Hessnatur, im Besitz der insolventen Arcandor-Gruppe, soll verkauft werden. Belegschaft und Kunden haben eine Genossenschaft gegründet, um den Betrieb zu kaufen und sich so gegen eine Übernahme durch Investmentgesellschaften zu stemmen.
Programm der Tagung

Herr Strasheim-Weitz, warum wehren Sie und Ihre Mitstreiter sich gegen eine Übernahme von Hessnatur durch einen ausländischen Investor?
Strasheim-Weitz:
Wir wehren uns gegen Investoren, die ihr Wirtschaftsziel ausschließlich auf Gewinnmaximierung und Renditen ausrichten. Das passt nicht zur Philosophie von Hessnatur und hat mit Nachhaltigkeit nichts zu tun, wie sie vom Konzept her die Genossenschaft bieten will und kann. Nämlich ökonomische, ökologische, soziale und gesellschaftsrelevante Ziele in Einklang zu bringen. Natürlich werden wir auch Umsatz und Gewinn machen – aber mit unserem Konzept Kunden, Mitarbeiter und die Menschen entlang der Wert-schöpfungskette am Erfolg von Hessnatur beteiligen, die ihn ermöglichen. Ein Investor wie Carlyle oder Paragon – beide waren für die Übernahme von Hessnatur im Gespräch – arbeitet in eine ganz andere Richtung.

Wie haben Sie Beschäftigte und Kunden überzeugt, selber Unternehmer zu werden?
Strasheim-Weitz
: Kunden und Mitarbeiter haben eine sehr enge Bindung an Hessnatur. Man kann sogar fast sagen, dass sie an die Philosophie und die ökologische und soziale Ausrichtung glauben, ihr vertrauen. Das Konzept der Genossenschaft hnGeno baut auf diesem Grundsatz auf, arbeitet transparent und entwickelt die Vision unseres Gründers Heinz Hess weiter. Zum Beispiel dadurch, dass wir einen fixen Satz unserer Unternehmensgewinne in die Förderung von Projekten stecken wollen, uns stärker als bislang engagieren wollen. Hessnatur hat viel bewegt und kann viel bewegen in der Zukunft. Kunden und Mitarbeiter – und viele nachhaltig gesonnene Menschen – haben das Potenzial erkannt und sind davon einfach überzeugt. Deswegen haben wir ja auch bereits viele Mitglieder und einige Millionen an Eigenkapital. Und es wer-den täglich mehr.

Derzeit ist das Bieterverfahren ausgesetzt, das erste Angebot der Genossenschaft wurde abgelehnt – laut Medienberichten auch, weil der Genossenschaft Eigenkapital fehlt. Wie geht es jetzt weiter?
Strasheim-Weitz:
Die Darstellung in der Presse ist eher durch eine Schieflage als durch Fakten aufgefallen. Wir haben eine solide Finanzierung inklusive Besserungsschein gehabt, was bei Unternehmenskäufen gang und gäbe ist. Und wir hätten von unserem finanziellen Spielraum her auch noch weiter mit dem Verkäufer verhandeln können und wollen – leider wollte er nicht. Mittlerweile sind einige Wochen verstrichen, seitdem der Verkaufsprozess für Hessnatur ausgesetzt wurde, und die finanzielle Situation der Genossenschaft hat sich weiter verbessert. Wie bereits gesagt, haben wir mehr Eigenkapital als im Juni. Und unsere Geldgeber stehen nach wie vor geschlossen hinter uns. Wie es weitergeht: Wir werden eine neue Offerte für den Kauf von Hessnatur abgeben und wollen mit dem Eigentümer weiter verhandeln. Nach wie vor sehen wir uns als den bestmöglichen Kandidaten – alle Private Equitys und Fi-nanzinvestoren haben sich zurückgezogen, weil sie erkannt haben, dass Hessnatur mit dem Geld der Kundschaft wirtschaftlich erfolgreich ist. Und die Kunden werden ganz genau hinschauen, bei wem sie ihr Geld lassen. Das macht den Investmentgesellschaften Angst, weil sie selbst merken, dass Hessnatur mittlerweile nur als Genossenschaft funktionieren wird.

Bei der Tagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll geht es um neue Organisationsformen, die solidarisches Wirtschaften ermöglichen. Was können andere vom Fall Hessnatur lernen?
Strasheim-Weitz:
Kurzum: dass solidarisches Wirtschaften, nachhaltige Ökono-mie möglich ist. Hand in Hand mit Mitarbeitern und Kunden. Und dass Durchhaltevermögen und Glauben an die Sache und den Erfolg einen weiter ans Ziel bringt. Noch mal: Die Genossenschaft hat in der Hinsicht ihre Aufgaben gemacht, wir stehen bereit und nun ist der Verkäufer am Zug, um das Pro-jekt im Sinne von Kunden, Mitarbeitern und Lieferanten doch noch erfolgreich mit der Übergabe an die Genossenschaft zu Ende zu bringen.

Der Ruf nach ethischer Unternehmensführung ist spätestens seit der Finanzkrise wieder in. Aber was müsste sich konkret ändern, um Initiativen wie Ihre besser zu unterstützen?
Strasheim-Weitz:
Hier ist die Politik gefragt, um bessere Rahmenbedingungen zu schaffen, um Unternehmen in solche neuen Wege des Wirtschaftens zu führen. Wir haben mit vielen Politikern gesprochen und um öffentliche Unterstützung für unsere Sache gebeten. Das Feedback war mehr als bescheiden – hier brauchen wir mehr laute Stimmen, die uns unterstützen und sich für eine neue Nachhaltigkeit in der Wirtschaft einsetzen.

Sie haben in kurzer Zeit viele Unterstützer gewonnen. Nehmen Sie ein Bedürfnis nach verantwortlichem Wirtschaften wahr, nach einem Gegenentwurf zum reinen Gewinnstreben? Meinen Sie, dass die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise dazu beigetragen hat?
Strasheim-Weitz:
Auf jeden Fall! Mit reinem Wachstum wird die Wirtschaft nicht mehr lange weitermachen können. Wir müssen uns auf Werte der ehrbaren Kaufmänner besinnen. Die unternehmerische Verantwortung ist nicht die, sich möglichst schnell den Geldbeutel ordentlich voll zu machen. Wir alle brauchen einen gefüllten Geldbeutel – aber das geht auch, wenn ich mein Geschäftsmodell nicht nur nach mir, sondern auch nach und mit anderen ausrichte: zusammen mit Kunden, mit Kolleginnen und Kollegen, mit Produktionspartnern im In- und Ausland. Da ist bei Hessnatur auch noch Spielraum nach oben, um so einen ganzheitlichen wirtschaftlichen Weg zu gehen. Den kann, da bin ich ebenso überzeugt wie viele Hessnatur-Kunden, nur die Genossenschaft gehen. Den anderen geht dabei die Puste aus.

Programm der Tagung

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