Mehr fördern oder mehr fordern?

Dr. Ulrich Walwei,Vizedirektor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und Kooperationspartner einer Akademietagung, spricht im Interview über Arbeitsmarktpolitik in Zeiten der Krise

<p><em>Dr. Ulrich Walwei, Vizedirektor des IAB, hielt den Eröffnunsgvortrag auf der Tagung »Bewährungs­­probe: Arbeitsmarktpolitik in der Krise«, die vom 11.-12. November in Kooperation des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) mit der Evangelischen Akademie Bad Boll durchgeführt wurde. Studienleiter Jens Junginger interviewte ihn.</em></p>

Worin sehen Sie die Chancen und Probleme bei den aktivierenden Anreizen in der Arbeitsmarktpolitik?
Dr. Ulrich Walwei: Der wesentliche Punkt ist der: Eigeninitiative und Eigenverantwortung werden konsequenter Weise in der Arbeitsmarktpolitik gefordert und gefördert. In Krisenzeiten muss sich das Verhältnis aber ändern: da muss das Fördern gegenüber dem Fordern gestärkt werden. Nichtsdestoweniger müssen die Anreize bleiben, so schnell wie möglich eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen. Jedoch müssen wir mehr dafür tun, dass die Menschen dies auch wirklich leisten können. So spricht man immer von der Notwendigkeit des »lebenslangen Lernens«. Davon sind wir noch weit entfernt. Um das zu realisieren, muss verhindert werden, dass bei den Menschen zu große Bildungsdefizite entstehen. Dies ist für viele, die keine Arbeit haben, allerdings nicht selten Realität. Und für die, die eine Beschäftigung haben, passt oft der Zuschnitt der Weiterbildungsmöglichkeiten nicht. Das heißt, zur Aktivierungspolitik gehören begleitende Maßnahmen. Die Arbeitsmarktreform muss nicht geändert werden, wir müssen die Menschen nur noch besser darauf vorbereiten.
Es ist zu beobachten, dass Qualifizierungsmaßnahmen der Arbeitsagenturen oft nicht passgenau sind. Was können Sie dazu sagen?
Dr. Ulrich Walwei: Die Voraussetzung für Qualifizierungsmaßnahmen ist, dass sie zum einen Menschen in Arbeit bringen und zum anderen, dass sie wirtschaftlich sind. Dazu muss man Personen fördern, für die es durch die Maßnahme einen Mehrwert gibt. Unsere Befunde auf der Basis von Verlaufsdaten zeigen aber auch, dass Bildungsmaßnahmen erst langsam, mitunter nach Jahren positive Auswirkungen haben. Generell zeigt sich bezüglich Arbeitsplatz, Einkommen etc., dass es sich lohnt, mittel- und langfristig in die Köpfe und in die Weiterentwicklungsmöglichkeiten der Menschen zu investieren. Dabei sollte man nicht nur danach schauen, was Menschen nicht können, sondern, was sie können – auch außerhalb ihrer Erwerbskarriere. Dazu muss man sich mehr für die Menschen interessieren. Somit erhalten die Beratungsgespräche eine immer größere Bedeutung. Die Agenturen sind auf dem Weg die Betreuung zu verbessern und zu intensivieren.
Wie stehen Sie zur Förderung des öffentlichen Beschäftigungssektors?
Dr. Ulrich Walwei: In Abschwung- und Aufschwungphasen hat die Arbeitsmarktpolitik unterschiedliche Aufgaben. Verständnis habe ich dafür, wenn man die Förderung des öffentlichen Beschäftigungssektors in Krisenzeiten mit Augenmaß ausbaut. Während des Aufschwungs ist es schwieriger. Dann verdrängt die Förderung vielleicht die Arbeitsmöglichkeiten für andere. Öffentlicher Beschäftigung kommt sowohl in reparierender wie in präventiver Hinsicht eine hohe Bedeutung zu. Die entscheidende Frage ist aber, für wen wir das tun sollten? Sicher in erster Linie für Menschen, die überhaupt erst wieder an den Arbeitsmarkt herangeführt werden müssen. Im Sinne einer sozialen Teilhabe, ist es zunächst das vorrangige Ziel, sie persönlich zu stabilisieren. Hier ist Vernunft gefragt. Denn es gibt Evaluationsstudien, die besagen, dass sich zwar die Vorraussetzung der Menschen für den Arbeitsmarkt durch öffentliche Beschäftigung nicht verbessert. Eventuell verbessert sich aber dadurch die soziale Basis der Menschen. Es fehlen aber noch Messkonzepte für die soziale Stabilisierung. Das ist ein ganz neues Forschungsfeld, an dem wir gerade arbeiten.
Sie sind mit der IAB seit 2003 schon zum vierten Mal in Bad Boll. Was ist Ihnen an der Kooperation mit der Akademie wichtig?
Dr. Ulrich Walwei: Das Wichtigste für mich ist, dass die Akademie für uns das Motto »Wissenschaft trifft Praxis« realisieren hilft. Von der Logistik her und vom Bekanntheitsgrad bringt die Akademie die Leute zusammen, die etwas zum Thema zu sagen haben und etwas bewegen können. Für diese Menschen ist es attraktiv, hierher zu kommen. Ferner klappt es mit der Arbeitsteilung sehr gut: Wir diskutieren zusammen das Konzept und schlagen Referenten und Referentinnen vor – und alles läuft auf eine sehr flexible, einvernehmliche und nette Art. Wir freuen uns immer auf die Tage mit Ihnen.

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Reinhard Becker

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Martina Waiblinger

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