Mehr Kinder mit Autismus als ­vermutet

Auf einer Akademietagung wurde deutlich, dass sich die Schulen besser um Kinder mit Autismus kümmern sollten

Es gibt viel mehr autistische Schüler in Baden-Württemberg als angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsprojekt an der PH Ludwigsburg/Reutlingen, das Ende Januar (25.01.2010) erstmals auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll vorgestellt wurde.
14 bis 15 von 10.000 Schülern haben eine Störung aus dem Autismus-Spektrum, erklärte Projektleiter Prof. Dr. Rainer Trost. Lange Zeit ging man davon aus, es seien nur 4 bis 5 Schüler von 10.000 betroffen. Damit werden in den Schulen Baden-Württembergs mehr Kinder mit Autismus unterrichtet als Kinder in den Schulen für Blinde und Sehbehinderte.
Überraschend war auch das Ergebnis, dass viele Schülerinnen und Schüler mit autistischem Verhalten und ihre Lehrkräfte die sog. gestützte Kommunikation als eine erfolgreiche Methode zur Anbahnung und Förderung der Kommunikation beurteilen. Bei der gestützten Kommunikation stützt eine Begleitperson den autistischen Schüler am Arm, so dass dieser auf Buchstaben zeigen kann. Das Stützen unterscheidet sich deutlich vom Führen und ermöglicht vielen Schülern, eigenes Wissen und eigene Gedanken zu äußern.
Dass 79 Prozent der Schülerinnen und Schüler mit frühkindlichem Autismus eine Schule für Geistigbehinderte besuchen, war kein überraschendes Ergebnis. Zu befürchten ist, dass sich daran auch in Zukunft nicht viel ändern wird, denn Maßnahmen zur Verbesserung der schulischen Förderung dürfen keine zusätzlichen Kosten verursachen.
Mit Dr. Christine Preißmann, Nicole Schuster, Dr. Peter Schmidt und Dietmar Zöller kamen auf der Tagung auch Referenten zu Wort, die selbst von einer Form des Autismus betroffen sind. Ihrer Meinung nach ließe sich an den Schulen vieles verbessern, wenn die Lehrkräfte besser über die Besonderheiten dieses Klientels informiert wären. Lehrer sollten wissen, mit welchen Problemen autistische Schüler zu kämpfen haben. So ist die Reizverarbeitung in mannigfacher Weise gestört und die Umsetzung motorischer Aufgaben bereitet erhebliche Probleme. Oft verstellen diese Schwierigkeiten den Blick für das Lernpotenzial der Schülerinnen und Schüler. Prof. Rainer Trost betonte,.dass die Aussagen von sprechenden und schreibenden autistischen Menschen eine große Verständnishilfe bieten. Die Teilnehmenden der Tagung in Bad Boll rief er deswegen dazu auf, Bücher der Betroffenen zu lesen.
Die Psychotherapeutin Dr. Dagmar Hoehne forderte flächendeckend Kompetenzzentren zu schaffen,in denen alle Fachbereiche, die mit autistischen Menschen zu tun haben, vernetzt werden. Damit könnten die Hilfsangebote für Eltern autistischer Kinder und Jugendlicher durchschaubar werden, ihre Ansprüche Gehör finden und es gäbe für alle Fragen einen kompetenten Ansprechpartner. Dass so etwas auf den Weg gebracht werden muss, wurde auch in einer Arbeitsgruppen deutlich, in der sich Eltern mit leidvollen Erfahrungen zu Wort meldeten.
Bei der Tagung handelte es sich um eine Kooperationsveranstaltung der Evangelischen Akademie Bad Boll mit der Fakultät für Sonderpädagogik an der PH Ludwigsburg /Reutlingen. Völlig überrascht waren die Veranstalter über die große Zahl der Anmeldungen. Vielen Interessenten musste aus Platzgründen abgesagt werden. Studienleiter Dr. Thilo Fitzner von der Evangelischen Akademie Bad Boll will deshalb die Thematik in einer weiteren Tagung aufgreifen, die voraussichtlich am 5./6. Juli 2010 stattfinden wird. (Dietmar Zöller)

Im Online-Angebot der Evangelischen Akademie Bad Boll

Autismus als Herausforderung für die Schule. Lösungsansätze für die Praxis. Von: Nicole Schuster (pdf, 109 KB)


Auswahlbibliografie:
Autismus und Lernen: Erfahrungen mit unterschiedlichen Förder- und Lernstrategien von Marlies Zöller und Dietmar Zöller (Taschenbuch – 2004)
Ich wollte, dass wir uns verstehen: Briefe, Tagebücher, Berichte über Reisen (1993-2008) von Dietmar Zöller und Brita Schirmer (Taschenbuch – 2009)
Psychotherapie und Beratung bei Menschen mit Asperger-Syndrom: Konzepte für eine erfolgreiche Behandlung aus Betroffenen- und Therapeutensicht von Christine Preißmann (Broschiert – 2009)
und dass jeden Tag Weihnachten wär'. Wünsche und Gedanken einer jungen Frau mit Asperger-Syndrom von Christine Preissmann (Broschiert – 2005)
Schüler mit Autismus-Spektrum-Störungen. Eine Innen- und Außenansicht mit praktischen Tipps für Lehrer, Psychologen und Eltern von Nicole Schuster (Broschiert – 2009)
Ein guter Tag ist ein Tag mit Wirsing von Nicole Schuster (Broschiert – 2007)
»Allein unter Kollegen« – Peter Schmidt hat studiert, eine Familie gegründet, Karriere gemacht ohne zu wissen, dass er Autist ist. Die Geschichte eines Coming-out.
brand eins 12/2008 (Online-Version)

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