Neue Gemeinschaft durch vielfältige Netzwerke

EKD-Ratsvorsitzender Bedford-Strohm lobt beim Neujahrsempfang breites Engagement in der Gesellschaft

EKD-Ratsvorsitzende Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm (© Claudia Mocek)

Bad Boll. „Heute denkt jeder nur noch an sich!“ Aber rück das „Ich“ wirklich ins Zentrum, während das „Wir“ in den Hintergrund gedrängt wird? Danach hat heute der EKD-Ratsvorsitzende Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm in seiner Festrede beim Neujahrsempfang der Evangelischen Akademie Bad Boll gefragt. Vor rund 120 Gästen beleuchtete er die „Gemeinschaft in der modernen Gesellschaft“.

Trotz vermeintlicher Vereinzelung, Ellenbogengesellschaft und Parteienverdrossenheit: Laut EKD-Statistik 2015 waren allein in den evangelischen Landeskirchen – ohne Diakonie – über eine Millionen Menschen ehrenamtlich tätig. Ein Jahr zuvor haben sich in ganz Deutschland über 43 % der Menschen freiwillig engagiert. „Eine erstaunliche Zahl“, fand Bedford-Strohm. Dennoch tue sich Deutschland mit dem durch den Nationalsozialismus belasteten Begriff „Gemeinschaft“ schwer. In der nationalsozialistischen Ideologie sei „Gemeinschaft“ nicht eine auf gleiche Rechte gegründete Kommunikationsgemeinschaft differenter und starker Individuen gewesen, sondern eine hierarchisch strukturierte „Volksgemeinschaft“, die von Homogenität geprägt war. 

Wer heute Gemeinschaft und Gesellschaft mit dem Soziologen Ferdinand Tönnies als Gegenbegriffe verstehe, müsse die moderne Gemeinschaft als Verfallsgeschichte deuten: Sie gehe verloren, während der Egoismus überhandnehme. Wer aber wie der Soziologe Emile Durkheim die Gemeinschaft abhängig von der Verschiedenheit der Menschen sehe, erlebe heute neue Gemeinschaften, die nicht vorrangig durch Gemeinsamkeit, sondern durch Verschiedenheit zusammengehalten werde. Für Bedford-Strohm ein starkes Deutungsmuster, „um die Gegenwart zu verstehen“. Es bilde die Voraussetzung für das Verständnis von Gemeinschaft, die neue Formen annimmt.

„Gemeinschaft wird heute zunehmend in Netzwerken erfahren“, betonte der Landesbischof, „in Formen, die als genuine Produkte der modernen Gesellschaft gesehen werden können.“ Während das Leben früher vor allem durch starke Beziehungen wie die innerhalb der Familie geformt worden sei, würden die schwachen Beziehungen zum Beispiel im Sportverein heute immer mehr an Bedeutung gewinnen. „Wir sollten die Bedeutung der schwachen Beziehungen nicht pauschal abwerten“, appellierte Bedford-Strohm daher. Auch ein „Gefällt-mir-Button“ bei Facebook könne bedeutsam sein. Bei aller Kritik an den sozialen Netzwerken müsse man genau hinschauen, um die unterschiedlichen Formen von Gemeinschaft und Beziehungsaufnahmen wahrzunehmen. Er wies darauf hin, dass es eine Facebook-Aktion gewesen sei, die bei der Flut in Bayern 2013 zu den effektivsten Hilfsaktionen gehört habe. Er rief dazu auf, die Digitalisierung differenziert zu gestalten, um die kritischen Seiten zu begrenzen und die Chancen zu nutzen. Denn die Pluralisierung von Netzwerken bedeute nicht den Abbruch von Gemeinschaft, sondern zunächst nur ihre Veränderung.

In der modernen Welt werde die Gemeinschaft liberalisiert: „Das, was wir tun, tun wir aus der Freiheit heraus“, sagte Bedford-Strohm: „Ich freue mich über die rund 46 Millionen Menschen, die allein Mitglieder in den großen Kirchen sind.“ Denn sie hätten sich in Freiheit dazu entschlossen. In den 1950er Jahren sei die Situation noch eine andere gewesen. Damals hätte man mit sozialen Sanktionen rechnen müssen, wenn man aus der Kirche ausgetreten sei. Wenn man die Veränderungen berücksichtige, die sich bis heute vollzogen hätten, könne man erahnen, „welche Kraft in diesem Land steckt“. Der Festredner rief dazu auf, mit mehr Zuversicht in die Zukunft zu gehen und den Freiheitsgewinn zu bejahen.

Die Pluralisierung zu gestalten, bedeutet für den Landesbischof auch aus theologischer Sicht, „die produktive Kraft der Vielfalt zu bejahen, ohne in Beliebigkeit abzugleiten“. Die Freiheit in der heutigen Gesellschaft führe nur dann nicht zu innerer Leerer oder sozialer Verarmung, wenn sie als kommunikative Freiheit verstanden werde. Hierin sah der Referent auch vor allem die Chance der heutigen Kirche: Sie bestehe aus vitalen Akteuren, die über viele Brückenbeziehungen verfügten. Kirche müsse eine öffentliche in der Zivilgesellschaft sein, die die heutige Lebenswelt wahrnimmt und Theologie interdisziplinär im Kontext von Wissenschaften wie Philosophie, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Friedensforschung oder Moralpsychologie betreibt. 

Auch die Evangelischen Akademien stünden in der ersten Reihe, wenn es darum ginge, diesen Auftrag umzusetzen, sagte Bedford-Strohm. „Sie leisten einen wesentlichen Beitrag dazu, dass unsere evangelische Kirche mit Kompetenz und Tiefgang am Werk ist, wenn es darum geht, die Konsequenzen des Evangeliums für die Fragen unserer Zeit zu reflektieren und dann auch zu leben.“ 

Digitalisierung, die Rolle der Kirche bei der Agenda 2030, Rentenpolitik, Flüchtlingsarbeit und nachhaltige Mobilität: die Direktoren der Akademie, Prof. Dr. Jörg Hübner und Dr. Günter Renz, gaben einen Überblick über die inhaltlichen Akzente des Akademieprogramms. Musikalisch begleitet wurde der Empfang vom Ensemble Hanke Brothers. 


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