Rechtsextremismus, Rassismus und ­Antisemitismus in Comics

Rechtsextreme nutzen Comics beim »Kampf um die Köpfe«. Andererseits sollen Comics in der politischen Jugendbildung eingesetzt werden. Fachleute informierten über die Szene und pädagogische Konzepte

Erste Bilanz der internationalen Tagung von Mitveranstalter Ralf Palandt

Im August 2009 verteilte die NPD zur Bundestagswahl an mehreren Orten in Deutschland kostenlos den Comic Enten gegen Hühner. Während es zahlreiche Studien zum RechtsRock gibt, wurden und werden Comics bislang in der Betrachtung rechtsextremer Medien ignoriert. Wir müssen uns mit altem und neuem Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in allen (Kunst-)Formen auseinandersetzen. Nur so lernen wir, wie wir diesen gesellschaftspolitischen Problemen und Herausforderungen konstruktiv und nachhaltig entgegen treten können.

Comics können diese Auseinandersetzung unterstützen. Seit einigen Jahren werden Comics in der politischen Jugendbildung sowie als Lehrmittel im Unterricht eingesetzt, um vor den Gefahren des Rechtsextremismus zu warnen und ein Bewusstsein für Geschichte und Demokratie zu fördern. Doch beschränkt sich ihr Einsatz auf wenige Fälle. Und für einige Comics gegen Rechts gilt: Gut gemeint ist nicht immer auch gut gemacht. Generell herrscht ein großer Mangel an Wissen über die gesellschaftspolitische Bedeutung, über die Wirkungs- und Einsatzmöglichkeiten von Comics.Werden hier Gefahren für die Gesellschaft und Mittel zu ihrem Schutz sträflich übersehen? Welches bildungspolitische Potenzial steckt in Comics?

Um einen ersten konstruktiven Schritt zur Beantwortung dieser Fragen zu unternehmen, ergriffen das Archiv der Jugendkulturen und ich die Initiative und richteten zusammen mit der Evangelischen Akademie Bad Boll eine internationale Tagung aus, in Kooperation mit und mit freundlicher Unterstützung von: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Bündnis für Demokratie und Toleranz, Konrad-Adenauer-Stiftung Baden-Württemberg, Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg und Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Die Tagung
Mehr als 20 namhafte ExpertInnen deckten mit ihren Vorträgen und Workshops die Bereiche Geschichte, Theorie, Forschung und Praxis ab. Im interdisziplinären Rahmen wurden Inhalte, Funktionen, Mechanismen und Wirkungen der Comics von Rechts, der Comics gegen Rechts und von Geschichtscomics mit NS- und Holocaust-Thematik vorgestellt und diskutiert sowie modellhaft Möglichkeiten für die Bearbeitung des Themas und den zielgruppenadäquaten Einsatz entsprechender Comics in Schule und politischer Bildung erarbeitet. Parallel präsentierte die Wanderausstellung Holocaust im Comic zahlreiche Bildergeschichten von kritischen Texten begleitet.


Im ersten Teil der Tagung standen COMICS VON RECHTS im Mittelpunkt. Im ersten Keynote-Vortrag wurden rechtsradikale und antisemitische Comics in RechtsRock-CD-Booklets, Fanzines, Schüler- und Parteizeitungen der letzten 30 Jahre vorgestellt.
Einen Blick ins europäische Ausland boten die Besprechungen rassistischer und antisemitischer Comics in Ungarn, Italien und Frankreich – von Dr. Gregor Mayer, Giulio C. Cuccolini und Dr. Joachim Sistig. Dr. Regina Schleicher ging auf entsprechende Stereotype in Asterix- und Lucky-Luke-Comics ein, die sie mit den historischen Quellen und dem zeitgeschichtlichen Kontext der Comics beleuchtete.


In den zweiten Teil der Tagung COMICS GEGEN RECHTS & COMICS IN SCHULUNTERRICHT UND POLITISCHER BILDUNG führte Martin Frenzel mit einem Keynote-Vortrag über zentrale Aspekte des Genres Holocaust im Comic ein. Es wurde deutlich, dass es nicht die eine Form der Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema Holocaust und NS-Verbrechen im Comic gibt, sondern viele verschiedene Facetten.


Die Vorträge von Marco Behringer, Hendrik Buhl, Dr. Chiara Cerri, Dr. Ole Frahm und Fabian Kettner diskutierten aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven heraus die Eignung von Comics als Lehrmittel und/oder die Umsetzung der Themen Nationalsozialismus, Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus. Sie gingen auf Stärken und Schwächen des Mediums und seine Besonderheiten ein.


Julia Franz und Patrick Siegele vom Anne-Frank-Zentrum Berlin präsentierten den Comic Die Suche des Anne-Frank-Hauses Amsterdam und spielten mit den TeilnehmerInnen Aufgaben aus dem dazugehörenden Material-Buch für LehrerInnen durch. Christine Gundermann ging kritisch auf die Konsequenzen der Übertragung dieses niederländischen Geschichtsbildes in die deutsche Geschichtskultur und den Geschichtsunterricht ein. Die Traditionen von Judenbildern sowie sich verändernde Rezeptionsbedingungen waren die Grundlage, auf der Isabel Enzenbach ihren Workshop aufbaute, zur Erlangung einer visuellen Kompetenz für den Umgang mit antisemitischen Stereotypen.


Auch die künstlerische Seite der Comic-Produktion wurde berücksichtigt. Zu einer Gesprächsrunde waren Klaus Wilinski (Leo mischt mit), Peter Schaaff (Andi) und Torsten Bähler (Jetzt reichts in Sachsnitz) nach Bad Boll gekommen.
Als Abendprogramm präsentierte der israelische Comic-Zeichner Gabriel S. Moses seinen aktuellen Comic-Band Spunk.

Der Erfolg
Mit über 50 TeilnehmerInnen, darunter LehrerInnen, StudentInnen, WissenschafterInnen und MitarbeiterInnen aus dem Bereich politischer Bildung und pädadagogischen Projekten (u.a. Stiftungen, Museen, Dokumentationszentren) war die Tagung außerordentlich gut besucht. Viele Vorträge mündeten in anregende Diskussionen und der rege Austausch hält jetzt nach der Tagung noch immer an.


Um den Impuls eines solchen Leuchtturm-Projektes weiter zu verstärken, wird noch Ende 2010 im Verlag des Archiv der Jugendkulturen (www.jugendkulturen.de) ein Tagungsband folgen, in dem außer allen ReferentInnen noch zusätzliche AutorInnen das Thema Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Comics in größtmöglicher Breite bearbeiten werden. Nur so kann ein fruchtbarer Austausch über die Grenzen einzelner Perspektiven und Ansätze hinaus stattfinden. Dieser Austausch an Erfahrungen und Wissen ist essentiell für die Bekämpfung von Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus und für eine Weiterentwicklung von Comics als Instrumente der politischen Bildungsarbeit.

Mehr über den Kongress im Internet auf der Seite von
SPLASHcomics.de

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Reinhard Becker

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Martina Waiblinger

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