Auf der Suche nach Moses, der uns aus dem Land der Pandemie führt

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Im Dezember 2021 hat der Ministerpräsident Baden-Württembergs Winfried Kretschmann die aktuelle Pandemie als eine „Plage biblischen Ausmaßes“ bezeichnet. Auf dem Landesparteitag seiner Fraktion sagte er: Die aktuelle Situation sei „kaum mehr zu ertragen“. Recht hat er; die kollektive und persönliche Not ist groß. Weiter führte er zur Landespolitik in Sachen Corona aus: „Ich bin weder Pharao, der unterdrückt, noch der Moses, der befreit.“ Dagegen gebe es nur einen „Moses“ im Land der Pandemie: „Das Impfen ist der Moses, der uns aus dieser Pandemie herausführt,“ so der Ministerpräsident. 

Ein interessanter Vergleich. Gemeinsam befinden wir uns in einem Land, das ächzt und stöhnt unter der Herrschaft eines Virus, das uns die Freiheit nimmt und uns zu Maßnahmen zwingt, die wir eigentlich nicht wollen. Dieser Vergleich hat natürlich auch seine Grenzen: In der biblischen Erzählung ist es eben Gott, der Moses beauftragt und es ist auch Gott, der den Israeliten den Weg durchs Meer bereitet und nicht die starke Kraft des Moses. 

Aber ich lasse diese Grenzen des Vergleiches einmal beiseite und nehme einen weiterführenden Aspekt   auf: Wir befinden uns in der Situation einer gemeinsamen Not. Das ist neu in unserer Generation, möglicherweise auch eine Situation, die es seit zwei oder drei Generationen nicht mehr gab: der Umgang mit einer uns allen zugemuteten Notlage. Persönliche und eigenverantwortliche Auswege helfen nicht mehr weiter. In Gemeinschaften oder diakonisch-caritativen Einrichtungen entwickelte Hilfen greifen nicht mehr. Nur durch besondere, außergewöhnliche, alle betreffende Maßnahmen lässt sich diese Krise aller überwinden. Wir stehen vor einer neuen ethischen Dimension, bei der Überwindung und dem Umgang mit dieser Notsituation. Über viele Jahre und Jahrzehnte hatten wir damit – Gott sei Dank! – nichts zu schaffen. Nun müssen wir neue Antworten finden. 

Auch in ethischer Perspektive geht es also darum, außergewöhnliche, alle betreffende Maßnahmen zu reflektieren und zu bedenken. Und dazu gehört meiner Meinung nach eben auch die Impfpflicht. Vieles ist noch offen und zu beraten. Aber der Diskurs muss geführt werden, damit uns gemeinsam nicht die Zeit davonläuft. Und es ist die klassische Aufgabe der Politik und der demokratisch gewählten Vertreter_innen, in solch einer Notlage für eine Ordnung zu sorgen, die dem Gemeinwohl dient. Die demokratisch gewählten Verantwortlichen schaffen den ordnenden Rahmen einer freiheitlichen Gesellschaft. Und jetzt geht es darum, diesen Rahmen mit einer sinnvoll wirksamen Impfpflicht zu schaffen. Diese wird dann auch diejenigen mitnehmen, die noch schwanken, sich aber dem Druck der lautstarken Coronaleugner_innen nicht beugen können. Sie wird also vor allem die Impfunschlüssigen mitnehmen, und ihre Zahl wird um ein Vielfaches größer sein als diejenigen, die unsere Demokratie unter dem Vorwand der Pandemie in Frage stellen!

Nicht Gott führt uns aus dem Land der Pandemie. Wir Menschen haben es in der Hand. Um im biblischen Bild zu bleiben: Die allgemeine Impfpflicht könnte zum Mose unserer Zeit werden. Und dann wird sich hoffentlich das Virusmeer spalten und uns einen trockenen Weg ins Land der Freiheit eröffnen. 

Kaum ein Thema wird in Deutschland momentan intensiver und kontroverser diskutiert wie das einer allgemeinen Pflicht zur Corona-Schutzimpfung. Auch in unserer Studienleitendenschaft wird die Frage aktiv diskutiert. Es gibt verschiedene Blickwinkel und nachvollziehbare Argumente, die für oder gegen eine Impfpflicht sprechen, aber vor allem geht es um Freiheit für beide „Seiten“. Zwei Kommentare dazu: 

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Bemerkungen :

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    Dr.med. Margarete Ott 01.02.2022 um 12:13
    Folgendes erhielt ich heute --- und das genügt m. E. Eine allgemeine Impfplicht sehe ich sehr kritisch ebenso die religiös getönten Aussagen von Herrn Kretschmann und Prof. Dr. Jörg Hübner .
    "Einrichtungsbezogene Impfpflicht
    Ab dem 16. März 2022 gilt in medizinischen und pflegerischen Einrichtungen eine einrichtungsbezogene Impfpflicht, die in § 20a Infektionsschutzgesetz geregelt ist.
    https://www.aerztekammer-bw.de/"
    Ich bin aus einer Arztgeneration, die noch die Folgen bei Menschen mit Viruserkrankungen erlebte, für die es damals noch keine Impfungen gab, wie Diphterie, Masern, Pocken , und bin als 80Jährige inzwischen auf eigene Initiative hin selbst 3fach gegen Covid geimpft. Dennoch sehe ich die deutsche OBRIGKEITSMENTALITÄT JETZT mit großem Erschrecken und die Entwicklung der Angstgesellschaft - zunehmend mit areligiösem Untergrund - bei den "braven und folgsamen Bürgern" - mit Entsetzen. In meinem Fokus sind eigene Kinder und Enkelkinder, jedoch auch alle Kinder mit den psychischen Belastungen,j für die die allgemeine Impfpflicht m. E. keine "Erlösung " bringt. Kirche bleib bei deinem Auftrag und schau, wo Du im Kern der biblischen Botschaft zunehmend unglaubwürdig geworden bist!
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      Jörg Hübner 07.02.2022 um 01:50
      Sehr geehrte Frau Dr. Ott,
      vielen Dank für Ihren Kommentar! Ich möchte mich besonders auf den letzten Satz Ihres Kommentars beziehen - auf den Auftrag der Kirche nämlich. Als die "Muttersprache" der Kirchen wird in letzter Zeit sehr oft von der Bedeutung der Seelsorge und ihrer Funktion gesprochen. Seelsorge erlöst nicht, löst jedoch im besten Fall Blockaden und Hindernisse, Sperren und Zweifel. Seelsorge begegnet in ihrer persönlichen Fassung im direkten Gespräch, aber sie begegnet auch in einer anderen Dimension - nämlich in der Seelsorge an der Gesellschaft mit ihren ungelösten Herausforderungen. Wenn Kirche hierzu einen zum Diskurs ermutigenden Beitrag schaffen kann, indem sie respektvoll und wertschätzend unterschiedliche Einsichten ins Gespräch bringt, dann betreibt sie keine Erlösung - dies ereignet sich nur in der Begegnung mit Jesus Christus -, aber sie kann zur Lösung von Konflikten beitragen. Genau diese Seelsorge an der Gesellschaft unter Beachtung der biblischen Leitbilder halte ich ebenso für eine eminent wichtige Aufgabe von Kirche - gerade in diesen wirren Zeiten. Dafür möchte ich gerne einen Beitrag leisten. Auch in unserer Akademie. Dann, so meine ich, ist Kirche glaubwürdig.
      Mit freundlichen Grüßen
      Jörg Hübner
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    Matthias Steinmann 31.01.2022 um 06:22
    "Die allgemeine Impfpflicht könnte zum Mose unserer Zeit werden."
    Ich frage mich: "Wie lange wäre denn dieser 'Mosebefreier' wirksam?
    3 Monate? 6 Monate wie für die Bundestagsabgeordneten? 40 Jahre ?
    Wie oft müsste denn nachgespritzt werden? Alle 3 Monate?...
    Hat denn Mose ein Bußgeld erhoben für die, die nicht mitflüchten wollten? Und wie oft musste das bezahlt werden? Bei jedem Neumond? Erhoben vom pharaonischen Gesundheitsamt?
    Bei solch schwierigen Überlegungen vermute ich, dass Mose auch Zweifel hatte, z.b. ob das Blut am Türrahmen wohl eine unangemssene Kommunikationsform war ... und ob die im gespaltenen Meer Ertrinkenden wirklich not-wendend waren?
    Auch ich zweifle: der Impfschutz ist trotz boostern löchrig: unsre Tochter, mein Freund sitzen trotz Mehrfachimpfung positiv getestet in quälender Quarantäne...

    Wäre eine wirksamer "Mose unserer Zeit" nicht besser eine Schnelltestpflicht?
    Man sagt mir, ein Schnelltest gäbe bei "negativ" nahezu 100%-ige Unansteckbarkeit.
    Ich kenne niemand, der sich dem verweigern würde. Irre ich? Wäre dies doch auch zuviel Zwang?
    Trotzdem:
    Ich erhoffte mir davon einen Segen für die Pflegeeinrichtung, die nicht mehr befürchten müste, manch impfunwillige Mitarbeiter*in zu verlieren,
    ich erhoffte mir davon einen Segen für unsere Gesellschaft, die nicht mehr befürchten müsste,
    dass sich die Politik in unangemessene Sackgassen manövriert (s.o.),
    dass der Impfzwang sich in verzweifelter Gewalt Luft verschafft,
    ich erhoffe mir, dass meine in den letzten Wochen erfahrene Entzweiung in Familie, Verein, Gemeinde wieder Verstehensbrücken entstehenläßt.
    Ich wünsche mir, was Franz-Xaver-Jens Scheidegger mal so formulierte:
    "Schaue hindurch , was immer Du siehst, schaue hindurch mit deinem Herzensauge!"
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      Jörg Hübner 07.02.2022 um 01:37
      Sehr geehrter Herr Steinmann,
      vielen Dank für Ihren Kommentar! Das, was Sie zuletzt schreiben, ist auch meine größte Sorge: die Entzweiung über ein fast bekenntnishaft wirkendes Vor-sich-Hertragen seines Impf-Status. Dies führt zu entsetzlichen Verwerfungen in Gemeinden und sogar in Familien. Auch ich erlebe dies, und es schmerzt sehr. Deswegen war ich lange Zeit davon überzeugt, dass alleine das überzeugende Argument tragen kann - und keine Impf-Pflicht. Erst im Laufe der letzten Monate haben mir gezeigt: Vernunftgeleitete Argumente helfen nicht mehr. Wir befinden uns in einer echten Notsituation. Aus dieser Sackgasse kommen wir nur mit einer allgemeinen Handlungsweise heraus. Ob dies allerdings eine Schnelltestpflicht sein kann, wage ich auch aus praktischen Gründen zu bezweifeln. Denn wenn alle sich einem Schnelltest unterziehen müssen - auch die Geimpften und Geboosterten - kommt unser System alleine aus Kapazitätsgründen und aus fehlenden Zeitressourcen sehr schnell an seine Grenzen. Hinzu kommt die Unzuverlässigkeit von Tests. Ich bezweifele also, ob dieses Modell einer allgemeinen Handlung wirklich hilft.
      Mit freundlichen Grüßen
      Jörg Hübner
  • user
    M. Maier 31.01.2022 um 03:10

    Eine Impfung als Religion, das ist einfach nur krank. Unabhängig davon, wie man jetzt zum gesellschaftlichen oder medizinischen Sinn von Immunisierungen und deren Nebenwirkungen steht. Wie kann man nur so einen Quatsch verzapfen und von evangelische Seite unkommentiert lassen bzw. auch noch befürworten? Wir sollten daran denken, dass der feine Herr Kretschmann nicht nur im Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) aktiv war, sondern auch ein katholischer Frömmler mit einigen Anzeichen der geistig-ethischen Verwirrung ist.

    • user
      G. Ebert 31.01.2022 um 05:20

      Den größten Nutzen einer evtl. Impfpflicht sehe ich auch darin, die "Schwankenden" zum Impfen zu bringen, nicht die Totalablehnenden. Letztere bekommt man nicht. Bremen hat m. W. die höchste Impfquote. Ich wünsche mir, dass die anderen Bundesländer von Bremen lernen, wie das geht. - Ich hätte nie gedacht, dass unsere Verwaltung in BaWü so mangelhaft ist. Ich weiß, dass sie in Berlin viel viel schlechter ist. Aber das ist ja kein Trost.



      Zum obigen Kommentar von M. Maier eine Anmerkung:


      Ohne auf den Inhalt einzugehen, möchte ich sagen, dass dieser Stil, die Wortwahl, niveaulos ist.

      • user
        Jörg Hübner 07.02.2022 um 01:25
        Ja, das sehe ebenso: Ich spreche hier gerne von den "Impf-Unschlüssigen", um eine Verunglimpfung der nicht geimpften Mitbürger_innen als "Impf-Gegner" zu vermeiden. Diese Im-Unschlüssigen - und sie sind doch vermutlich die meisten - lassen sich doch dann am ehesten bewegen, wenn der Impf-Status nicht mehr einem Bekenntnis gleich kommt, sondern Ausdruck von Pflicht ist.