„Theologische Analphabeten, die nach der eigenen Identität suchen“

Auf der Tagung „Junge Muslime zwischen Extremismus und Dialog“ beleuchtet Claudia Dantschke das Phänomen des Salafismus und des „Pop-Jihad“.

Claudia Dantschke vom Zentrum Demokratische Kultur in Berlin (© Claudia Mocek)

„Die Mehrheit der Salafisten in Deutschland ist nicht militant, richtet sich aber gegen die demokratische Ordnung“, sagte Claudia Dantschke vom Zentrum Demokratischer Kultur (ZDK). Auf der Tagung „Junge Muslime zwischen Extremismus und Dialog“ in der Evangelischen Akademie Bad Boll ging sie vor rund 80 Teilnehmenden der Frage nach, ob es sich beim Salafismus und beim „Pop-Jihad“ um eine Ausprägung des Islams handelt, oder um eine radikale Jugendkultur.

Dantschke zufolge propagieren Salafisten eine Rückkehr zum Islam, der im 7. und 8. Jahrhundert gelebt worden sein soll und lehnen Neuinterpretationen des Korans strikt ab. In Deutschland gibt es unter den Anhängern vier Strömungen: Die Puristen, die sich gegen Gewalt aussprechen und quasi in einer Parallelgesellschaft leben. Die zweite Gruppe vertritt einen politisch-missionarischen Salafismus, der Gewalt ablehnt. Die dritte Gruppe ist ebenfalls politisch-missionarisch einzuordnen, legitimiert aber den Dschihad. Zur vierten Gruppe zählen die militanten Vertreter. Bis auf die erste Gruppe werden alle Anhänger vom Verfassungsschutz beobachtet, dabei handelt es sich um 8650 Personen. 1100 von ihnen seien dem militanten Spektrum zuzuordnen, erklärte die Referentin. Nach offiziellen Angaben sind bisher 800 von ihnen nach Syrien gegangen, 130 inzwischen gestorben. 260 sind zurückgekehrt, 80 von ihnen mit Kampferfahrung und zum Teil stark traumatisiert.

Pluderhose, Kaftan, Käppi und Backenbart: Zur dogmatischen Ausprägung des Salafismus gehört bei vielen Anhängern auch die traditionelle Kleidung. Nicht so jedoch bei Vertretern des „Pop-Jihad“. Die radikalisierte Subkultur, die sich wie eine Straßengang kleidet, ist seit 2011 in Europa gewachsen. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen werden oft durch jugendliche Rekruteure geworben, die ihnen mit Hilfe von Propagandamaterial Lösungen für ihre Probleme und Struktur im Alltag verheißen würden. Die Zielgruppe – junge Männer und Frauen – wird in den Videos, Songs und Texten emotional angesprochen. Dabei knüpft die Machart zum Beispiel mit schnellen Schnitten, bedrohlichen Bildern an erfolgreiche Erzählformen aus Hollywood an. Inhaltlich werde den Jugendlichen mit Hilfe von Angstpädagogik eine neue Werteorientierung und ein Wahrheitsanspruch vermittelt: Nicht der Materialismus im Diesseits sei erstrebenswert, sondern das Paradies und die ewige Glückseligkeit im Jenseits. Dantschke: „Die Lebensperspektive wird auf den Tod verlagert.“

Das Kalifat des sogenannten Islamischen Staates werde in dem Propagandamaterial als prosperierender Staat dargestellt, in dem Gerechtigkeit für alle herrsche, und an dessen Aufbau sich die Jugendlichen beteiligen könnten – in der Verwaltung oder auch bei Selbstmordattentaten. Die Ansprache der Jugendlichen sei auch deshalb erfolgreich, so Dantschke, weil ihnen scheinbar viel Vertrauen entgegengebracht werde. Nicht die Familie oder die Herkunft – oft Ursache der Identitätsprobleme – spielten dabei eine Rolle. Der Jugendliche selbst und sein Verhalten in der Gruppe stünden im Mittelpunkt.

Charismatische Autoritäten, flache Hierarchien und der Zusammenhalt in der Weltgemeinschaft: Der Salafismus ziehe vor allem orientierungslose Jugendliche zwischen 17 und 27 Jahren an, weil ihnen vermittelt werde, dass sie innerhalb der Gruppe keine ständige Kategorisierung befürchten müssten. Diejenigen, die sich radikalisierten, seien in der Regel „theologische Analphabeten, die nach der eigenen Identität suchen“, stellte die Journalistin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin des ZDK klar.

Neben weiteren Vorträgen über aktuelle Studien, exemplarische Biografien und die Rolle der Medien diskutierten die Tagungsteilnehmenden in Workshops über die Grundlagen und Konzeptionen einer erfolgreichen Präventionsarbeit. Die Tagung „Junge Muslime zwischen Extremismus und Dialog“ fand am 09./10. Mai 2016 in der Evangelischen Akademie Bad Boll statt. Sie wurde von folgenden Kooperationspartner organisiert: Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Dienst für Mission Ökumene und Entwicklung (DIMOE), Evangelische Landeskirche in Württemberg, Evangelische Akademie Bad Boll, Landeskriminalamt Baden-Württemberg, Evangelischer Oberkirchenrat Stuttgart, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, Pädagogisch-Theologisches Zentrum der Evangelischen Landeskirche in Württemberg ptz.

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